Ein Beitrag zu den Bundestagswahlen 2017

Die Siegerpartei der Bundestagswahlen 2017 ist klar: die AfD – Mit 12,6 Prozent, einem Plus von 7,6 Prozent1, zieht sie in den Bundestag ein und wird ihre Sitze nutzen, um ihre Ideologie und Werte zu vertreten, die nicht weltoffen und modern sind, denn die AfD ist irgendwann zwischen 1933 und 1945 stehen geblieben.

Die AfD will Frauen am Herd sehen, Homosexualität aberkennen (und vielleicht wieder als Krankheit betiteln?), die Gleichberechtigung und Gleichstellung aussetzen und Ausländer und Schutzsuchende des Landes verweisen.

87 Prozent der Wähler sind nicht dieser Ansicht und verteilten sich deswegen auf die anderen Parteien. Parteien, die moderner und weltoffener sind, deren Wähler aber genauso engstirnige und verkappte Schlussfolgerung haben, wie AfD-Wähler. Denn wer nun auffordert „einem den Social-Media-Plattformen zu entfolgen, weil dieser die AfD wählte“ ist ebenfalls ideologisch. Und er bekräftigt die AfD-Wähler nur in ihrer Wahl!

Sollten wir, die 87 Prozent, nicht einmal kurz den Puls senken, leise bis drei zählen und versuchen das Wahlergebnis nachzuvollziehen?
Sollten wir nicht in den Dialog statt in die Ausgrenzung treten?
Sollten wir den 13 Prozent nicht die Alternativen zur Alternative für Deutschland aufzeigen?

Wenn ich mal annehme, eine Vielzahl der Stimmen für die AfD waren Proteststimmen gegen das bestehende System, dann muss ich eingestehen, dass es wirklich Dinge gibt, die in Deutschland nicht optimal waren und sind. Persönlich finde ich, dass Vieles in Deutschland zu bürokratisch und zu sehr mit Auflagen versehen ist.

Ich denke da an mein letztes Vermittlungsgespräch bei der Agentur für Arbeit: Ich bekam einen Eingliederungsvertrag vorgesetzt, der dreiseitig war, wovon eine halbe Seite „Wir, die Agentur für Arbeit machen für Sie“ lautet und 2,5 Seiten lang aufgelistet wurde, was ich zutun habe. Ich muss acht bis zehn Bewerbungen im Monat schreiben, ich muss jede kleinste Ortsabwesenheit dem Arbeitsamt melden und ich darf nur 165 Euro dazu verdienen, ohne dass mein ALG1 gekürzt wird… und, und, und.

ALG1 ist ein Anspruch, den ich mir erarbeitet habe. Ich habe in einen gewissen Zeitraum eine gewisse Zeit lang gearbeitet und in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt, sodass ich Zahlungen erhalten, falls ich keine Arbeit habe – diese Zahlungen sind dann aber an weitere Bedingungen geknüpft, zusätzlich zu dem „man muss eine gewisse Zeit lang versicherungspflichtig gearbeitet haben“.

Das finde ich etwas zu viel „Müssen“ für das Getane.
Zudem ist es etwas, was in Zeiten von Leiharbeit und befristeten Arbeitsverträgen gerade in wirtschaftlichen schwächeren Regionen Deutschlands schwer sein kann – erst einmal den Anspruch zu erhalten und dann noch die Bedingungen zu erfüllen, um die Leistungen zu erhalten. Denn auch die Alternative zum ALG1 das ALG2 – oder auch Hartz4 genannt – ist ebenfalls ein bürokratischer Hürdenlauf mit viel Muss, Muss, Muss und wenig Hilfe.

Bevor ich meine Weiterbildung zum Betriebswirt startete, war ich auch arbeitslos. Ich konnte aber aufgrund des Poststreiks 2015 nicht alle Unterlagen dem Arbeitsamt rechtzeitig zukommen lassen, um Leistungen für Miete und Essen zu erhalten, sodass ich ALG2, als Vorschuss, beantragte – auch wenn dem Angestellten im Jobcenter und mir klar war, dass ich in zwei Monaten wieder zur Schule gehen würde und Bafög erhalten würde, musste er die komplette Bürokratie mit mir durchgehen: vom Darlegen aller Konten, aller Einkünfte, dem Auferlegen meiner Pflichten und dem Eingeständnis für das Arbeitsamt in Vorleistung zu gehen. Ich musste also zwei Monate lang so tun, als würde ich nach einer günstigeren Wohnung Ausschau halten. Denn als allein lebender Mensch darf die Kaltmiete für die Wohnung bis zu 50 Quadratmeter nur 390 Euro betrage – trotz der Aufnahmebestätigung und dem Bafög-Bescheid musste ich zwei Monate lang Vermieter und Makler anrufen und Absagen kassieren. Aber wenigstens sah der Betreuer davon ab, mir noch die Jobsuche aufzuerlegen. Die Wohnungssuche sollte ich machen, um den Schein zu wahren und keinerlei negativen Folgen davon zu tragen.

Wohnungen sind in Hamburg Mangelware, wie anderorts unbefristete Arbeitsverträge.

Ich kann mir vorstellen, dass solche Auflagen Menschen in die Verzweiflung und Existenzangst treiben und in die Wut, wenn diese Menschen sehen, wie scheinbar einfach Schutzsuchende andere Länder in Deutschland Hilfe erhalten, während sie selbst am Hungertuch nagen und sich nur die BILD am Kiosk leisten können, die dann mit ihren provokanten, schlechten Journalismus Meinungen bildet, die Hetze und Unwahrheiten zugleich sind.

Auch wir trugen und tragen unseren Teil dazu!
Denn es ist Gang und Gebe in Deutschland jegliche Widerworte gegen das (Sozial-)System nieder zu machen, in dem man mit Äpfel-Birnen-Vergleichen (Diese Redewendung wird hier sehr schön erklärt) ankommt und sagt, dass es anderen Ländern schlechter geht. Wir hören den Ängsten unserer Mitbürger nicht zu, aber helfen großzügig Schutzsuchende. Unsere Mitbürger können aber, gepeinigt von Angst, nicht mehr rational denken können und deswegen sich ebenfalls als Schutzsuchende sehen (Und sich damit von Birnen zu Äpfeln machen, und so weiter und so weiter)

Es ist ein Teufelskreis.
Ein Teufelskreis, den man mit Ausschluss nicht beenden kann.
Ein Teufelskreis, den man mit einem Dialog begegnen sollte.

Denn für jeden, der vielleicht wegen den zu bürokratischen Sozialhilfen die AfD wählte, hätte eine bessere Alternativ auf dem Wahlzettel gehabt.
Eine Alternative, die nur sehr bedingt und wenig mediale Aufmerksam bekam und erreichte: die Partei für das bedingungslose Grundeinkommen.
Selbst wenn ich von der Idee nicht wirklich überzeugt bin, bin ich für Bürokratieabbau und Sozialhilfe (usw.) mit weniger Bedingungen, deswegen bekam die BGE-Partei ein Kreuzchen von mir2.

In diesem Fall wäre eine Stimme für das BGE zu setzen, eine Stimme gegen die CDU/CSU, SPD und Co. gewesen – ein Protest. Ein Protest ohne langen, braunen Rattenschwanz. Aber eine Alternative, die vielen vielleicht gar nicht bewusst war, dass es sie gibt.

Wir dürfen auch nicht vergessen, dass wir Menschen unseren Emotionen ausgeliefert sind und ein Gefühl, das jahrelang wächst, wächst empor wie eine Mauer und umgibt einen wie ein Tunnel, weswegen der Blick um sich herum und zu den Seiten versperrt und unmöglich ist – es gilt diese Emotionen der Angst und Verzweiflung abzubauen und dem Tunnel der Negativität ein Ende zu bereiten – nur so können wir in vier Jahren die AfD unter 5 Prozent bringen.

Quellen:
1 – http://www.focus.de/politik/praxistipps/wahlkreise-ausgezaehlt-das-vorlaeufige-ergebnis-der-bundestagswahl-2017_id_7631195.html am 25.09.2017 um 08:45 Uhr
2 – Für mich ist ein vollkommen bedingungsloses Grundeinkommen nicht realisier- und finanzierbar, aber ich hoffe meine Stimme lässt sie weiterkämpfen und bewegt die anderen Parteien dazu wirklich über Bürokratieabbau nachzudenken

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6 thoughts on “Ein Beitrag zu den Bundestagswahlen 2017

  1. Ein super Beitrag! Denn auch wenn ich mich nicht glücklich mit dem Ergebnis fühle, weil so viele diese Partei gewählt haben, interessiert mich doch das Warum.
    Ich möchte all diese Menschen auch nicht verurteilen – denn einige Punkte im Programm der AfD haben auch mich angesprochen – nur die anderen waren so grausam, dass ich auch eine unbekannte Partei wählte. Nur machen sich wohl viele auch gar nicht die Arbeit, nach den Positionen der nicht etablierten Parteien zu suchen, was ich ziemlich schade und verantwortungslos finde.

    Deine Erfahrungen mit dem Sozialsystem lesen sich echt nicht schön… Da kann ich verstehen, wenn man so eine Politik nicht unterstützen will.

    Liebe Grüße

  2. Die Hand reichen und Menschen mit Liebe und Akzeptanz begegnen ist ein wichtiger Punkt, den ich hier gerne ergänzen möchte.

    Und was du andeutest ist ganz wichtig. Deutschland muss lernen sich selbst zu vertrauen. Das Bildungssystem optimieren, seinen Bürgern die Möglichkeit geben die Hintergründe zu bestimmten Regelungen zu erfahren und zu verstehen und vorallem nicht alle zu bestrafen, wenn nur wenige Bockmist gebaut haben.

    Viele Grüße, nossy

    1. @Tabea:
      Viele Wahlprogramme klangen gleich, da muss man sich mit der Partei befassen, um herauszufinden, welche Gesinnung sie hat, um interpretieren zu können, in welche Richtung ihre Formulierungen gehen.

      @nossy:
      Akzeptanz unterstreiche ich… Liebe würde ich mit Anstand bzw. Resepkt ersetzen 🙂

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