Vegan wird die Welt retten

Wir befinden uns im Rewe „ums Eck“. Unentschlossen stehe ich vor der Kühltheke und starre die verschiedenen Wurstsorten an. Salami vom Schwein, Salami vom Rind, Salami vom Geflügel und Salami vom Salami-Baum – nur echt mit Vegan-Blumen.

Das Angebot erdrückt mich. Es überfordert mich in seiner Bandbreite: Salami mit Kräuterrand, Salami mit Pfefferrand, Salami mit Meersalz gepökelt und Salami links rum gerührt – es ist die Qual der Wahl!
„Ich habe noch Knäcke und Marmelade daheim“, denke ich mir und mache auf den Absätzen kehrt. Ich verlasse den Supermarkt mit Mineralwasser, Milch und Toilettenpapier. Nur das, was ich auch wirklich brauchte.

In einigen Tagen wird das kiloschwere Angebot von Salami über dem Mindesthaltbarkeitsdatum liegen und darf dann nicht mehr verkauft werden. Eventuell wird der Filialleiter es der Hamburger Tafel vermachen, die sich am Ende der Straße befindet – aber dies hat er wohl nicht zu entscheiden, sondern seine Chefs. Tonnen an Fleisch, Tonnen an Fisch, Tonnen an Molkereiprodukten – all das landet tagtäglich nicht in den Regalen der Tafeln, sondern in Müllcontainern hinterm Supermarkt.

Es ist da nicht verkehrt zu überlegen, ob der Verzicht auf diese Lebensmittel-Gruppen, nicht von Vorteil wäre. Für die Fleischproduktion werden Unmengen an Wasser verbraucht, hinzu kommt das Abroden der Regenwälder, um Platz für neues Weideland zu machen. Fische werden in schwimmenden Gehegen gezüchtet – aber das entspricht nicht ihrer Natur und so haben es Krankheiten bei ihnen leicht. Diese Krankheiten werden mit Antibiotika bekämpft und jene gelangen über das Lachsfilet in unseren Organismus. Das gilt ebenfalls fürs Rind, fürs Huhn, fürs Schwein. Und so geht zur Grippesaison die Berichterstattung los, dass durch das mit Medikamenten belastete Fleisch die Breitband-Antibiotika bei uns keine Wirkung mehr haben.

Es ist ein Kreislauf des Verderbens in dem wir stecken. Den wir nur durchbrechen können, wenn wir auf Fisch, Fleisch und Molkereiprodukte verzichten. Vegan wird die Welt retten!

Nein, wird es nicht. Vegan wird die Welt nicht retten und auch nur ein kleines Stück besser machen. Ich setze noch einen oben drauf. Ich behaupte: „Ich als Allesesser kann „besser“ sein als ein Veganer!“ Als Mensch will man ja immer besser sein als alle anderen. Aber ob man nun alles isst, keine tierischen Produkte isst oder auf Dinge verzichtet, die einen Schatten werfen – ich denke nicht, dass es die Ernährungsstile sind, die Schuld an der Misere auf Erden tragen! Es sind die Menschen. Wir.

Wir leben in einer Überangebots- und Wegwerfgesellschaft.

Ich selbst bin – und vor allem war da – kein Unschuldsengel. Sehr lange hatte ich Probleme mit dem Umgang mit Lebensmittel. Was schon irgendwie skurril klingt, wenn man bedenkt, dass ich gelernte Köchin bin. In der Küche lernt man die Lebensmittel komplett zu verwenden, jedoch hat man oft im privaten Haushalt nicht die Kapazitäten und Verwendung dafür. Ich war ein Wegwerfer, bis meine Mutti mir eine Predigt hielt, die sich gewaschen hatte. Seitdem gehe ich zweimal die Woche einkaufen und habe immer ein Notfall-Essen zu Hause – falls ich das Einkaufen vergesse oder einfach nicht weiß, was ich essen soll. Dann muss ich mit Knäcke und Marmelade oder einer Portion Pommes vorlieb nehmen. Ich habe mein Wegwerfen minimiert. Nur selten kommt es noch vor, dass der Schimmel schneller ist als ich. Aber sicherlich bleibt und ist meine Weste nicht weiss.

Das Überangebot wird in meiner Wohngegend sehr deutlich. In fußläufiger Distanz befinden sich 7 Supermärkte. Sie alle stillen die Gelüste der Allesfresser, der Vegetarier und der Veganer. Die Regale dieser Läden sind nicht nur prall gefühlt mit Haushaltsmitteln, Konserven, Brot und Teigwaren – nein, die Kühltheken sind voller Käse und Wurst, die Tiefkühler lassen das Herz der Pommes- und Pizzafreunde höher schlagen und bei allen ist im Eingangsbereich die Abteilung für frisches Obst und Gemüse. Welche alle einem Mindesthaltbarkeitsdatum für den Verkauf unterliegen. All das Obst und Gemüse, welches welk wird, wird entsorgt. Da ist es egal, ob es im Discounter oder Biomarkt lag.

Wir essen alle das gleiche Obst und Gemüse. Und die sieben Läden, in meiner unmittelbaren Nähe, bieten immer Salat, immer Äpfel und immer Kartoffeln an.

Wie viel bleibt davon über?
Wie viel wird am Ende seiner „Haltbarkeit“ in die Tonne gekloppt?

Vegan ist ein Teil davon. Und die raffinierten Produktentwickler der Supermarkt-Ketten haben den Trend „Vegan“ nicht verpennt: Sie bieten extra veganisierte Produkte an. Von Ersatzprodukten für Molkereiprodukte bis hin zum perfekt veganen Schnitzel. Vegan wurde also industrialisiert und vergiftet nun genauso die Welt, wie all das anderes Zeug. Es wird produziert, es fällt Müll an, es qualmen die Schlöte der Produktionslaufbänder, es wird importiert, exportiert und transportiert.

Und wie viel wird nicht verkauft und wird weggeworfen?

Aber wie viele von uns ziehen eine Schnute und meckern rum, wenn es bei Aldi keine Gurken mehr gibt? Wenn beim Rewe die Äpfel vergriffen sind und Sky keinen Salat mehr hat oder das vegane Schnitzel nicht vorrätig ist?

Es sind nicht die Ernährungsformen, die die Welt ausbeuten, es sind unsere Erwartungshaltungen an die ständige Verfügbarkeit von Lebensmitteln!

Ich will damit nicht die Veganer schlechtmachen. Ich möchte eher aufzeigen, wo ich denke, dass der Knackpunkt in dem ewigen „Ich bin besser“-Kampf der Ernährungsformen liegt und dazu anhalten nicht im März Erdbeeren zu kaufen!

Bild: Lukas Budimaier via unsplash.com

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4 thoughts on “Vegan wird die Welt retten

  1. Um es auf den Punkt zu bringen : Die Wegwerfgesellschaft wird sich nicht ändern, da die Welt auf dem Kurzlebigkeitsprinzip aufgebaut ist.
    Was nicht länger funktionsfähig erscheint, landet auf dem Müll – wie du es mit den Lebensmitteln deutlich beschreibst (das wäre nur eines von hunderten Beispielen).

    Nervig finde ich den Öko-Bio-Veggie-Vegan-Kult, der sich wie eine Seuche durch die Regale und Medien zieht (als sei es eine Krankheit, wenn man Fleisch konsumiert).
    – Es handelt sich ohnehin um eine große Werbeaktion und jeder macht fleißig mit, weil ja der gute Wille bekanntlich zählt.
    (P.S. Bio-Zitronen kommen von derselben gespritzten Pflanze, werden nur nach der Ernte nicht länger mit Pestiziden behandelt…nur mal so nebenbei).

    Ja, es ist moralisch absolut verwerflich, wenn man im Überfluss schmaust, achtlos ist und darauf weise ich immer mahnend hin, mit dem Fleisch irgendeinen Mist anfängt. (Beispiel : TV-Shows, Fressblogs, Medien im Allgemeinen – Fleisch, welches rein für die Optik präsentiert und zur Schau gestellt wird, kurz angefressen und anschließend im Müll landet – Hauptsache man hat sein tolles Foto)

    Wenn man stattdessen den Menschen den respekt- und maßvollen Umgang näher bringen würde, dabei den Fakt verdeutlicht, dass die Salami mit Kräuterrand ursprünglich ein lebendes, fühlendes und bei Weitem entscheidender, ein Tier war, welches ein Schicksal auferlegt bekommt, dann wäre es weitaus förderlicher, als die Keule zu schwingen und mit dem Finger zu zeigen (der Part mit der Salami als Tier klingt amüsant, war aber wirklich ernst gemeint).
    – Für die Hobby-Biologen : Die Natur ist grausam, aber das Tier besitzt die Chance zu fliehen und evtl. länger zu leben, als ein Korridor zum Bolzenschussgerät jemals bieten könnte.

    Den Fehler sehe ich ganz klar im Bildungssystem, weil in der Schule keine genaue Aufklärung stattfindet. Es wird vorausgesetzt, dass die Eltern in diesen Bereichen als Vorbild fungieren (offensichtlich scheint das zum Großteil nicht wirklich gut zu funktionieren).
    Deutlich wird dies, wenn man die breite Kluft zum Bezug zur Natur betrachtet – heutzutage kennen die Wenigsten Singvögel, Baumarten oder haben zusätzlich absolut keinen Respekt vor dem, was zum Überleben unersetzlich ist. So wird Müll achtlos fallengelassen, Fettleibigkeit zelebriert, weil man ja genug von allem hat oder draufgeschissen, wenn ein paar Liter Chemikalien bei der nächsten Autowäsche im Grundwasser landen.
    Der Großteil der Jugend kennt keine Kuh, Schwein oder ein Huhn aus der Nähe – bloß auf Fotos und weiß daher nicht, dass die Tiere NICHT als Wurst oder Schnitzel geboren werden und (Tadaa!) tatsächlich reagieren, sobald man es mit den eigenen Händen berührt.
    Es klingt so, als würde man mit den Worten und dem Appell an die Vernunft automatisch irgendwie selbst zum Öko-Terroristen mutieren (ich grüße hiermit die Bio-Veggie-Vegan-Kultisten), weil die Menschheit die Neugier und das Interesse an den wirklich wichtigen Dingen verloren hat.

    Vielleicht appelliere ich stattdessen an jeden Menschen darüber nachzudenken und mit dem nächsten Einkauf maßvoller zu sein, sich bewusster und reifer zu verhalten, wenn es um die nächste Futter-Orgie geht – um letztendlich wirklich etwas zu bewegen, anstatt eine Schublade zu öffnen, in der niemand willkommen erscheint ( außer Mitglieder des eigenen Vereins?).

    – der toastkunst war’s

  2. Ich muss eher meiner Mutter eine Predigt halten, wenn es um Konsum und allen drum und dran geht. Für sie muss alles billig sein, egal woher es kommt.

    Wegwerfen tut mir immer sehr leid und deswegen kaufe ich nie wahnsinnig viel ein. Es wird halt erst alle gemacht. Manchmal kommt es dennoch vor, dass sich irgendwo etwas versteckt hat oder ich schlichtweg kein Appetit mehr darauf hatte.

    Das vegane Essen kommt auch von irgendwo her – wie du schon geschrieben hast – und schädigt genug der Umwelt – aber hey, es musste ja kein Tier dafür leiden! … Diesen Satz mag ich nicht, denn nur weil es nicht für die Wurst stirbt, leidet es vielleicht woanders. Soja muss schließlich auch irgendwo angebaut werden.

    1. @toastkunst:
      Vielen Danke für deinen langen Kommentar.
      Ich weiß gar nicht was ich dazu sagen soll.
      Letztendlich sollte bewusster konsumiert werden.

      @Bammy:
      Nun, die meisten Billigmarken sind das gleiche wie teure Marken – nur anders verpackt. Vor allem bei Lebensmittel, aber auch bei anderen Gütern, so steckte in meinem Medion-Fernseher nichts weiter als Samsung-Teile, kostete aber nur ein Zehntel davon.

      1. So war es auch gar nicht gemeint. Ich kaufe auch Gut&Günstig oder jegliche Billigmarken, bei vielen Dingen. Aber ich kaufe zum Beispiel Milch aus der Region (Nachbarort wo ich arbeite) oder halt mal Obst und Gemüse von regionalen Bauern. Das ist ein No Go für meine Mutter, weil halt zu teuer.

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